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Mainflinger Fähre - die Geschichte

Erste Motorfähre in MainflingenIm Lauf unserer über 1200-jährigen Geschichte hat man immer Übersetzmöglichkeiten über den Main nach Dettingen und in den Spessart geschaffen. Urkundlich wird erstmalig 1730 durch die Stadt Aschaffenburg (damals Kurmainz) eine Fährverbindung erwähnt. Aschaffenburg hatte in Mainflingen die Fährhoheit.

Von den Fährleuten Walter und Griesfeller ist zu lesen: "Im Jahre 1831, so überliefert die Geschichte, wurde das Fährrecht durch Kauf an die Familie Andreas Löser übertragen. Aufgrund des stark anwachsenden Fährbetriebes durch die für uns zuständige Bahnstation Dettingen (1854) sowie Industrialisierung musste die hiesige Gemeinde 1920 die Fähre von der Familie Löser übernehmen. Die Überfahrstelle wurde von der Ortsmitte nach unterhalb der Kirche verlegt."

Zum bisher frei fahrenden Nachen kam eine Hochseilwagenfähre hinzu. 1929 wurde eine moderne "Neewe" und 1967 eine neue "Wagen-Gier-Fähre" in Dienst gestellt. Von 1959 bis 1970 wurde die hiesige Mainstrecke im Rahmen des Ausbaues des Rhein-Main-Donau-Schiffahrts-Weges ausgebaggert. In diesem Zusammenhang wurden auch mehrere Schleusen modernisiert bzw. erneuert. Durch die Absenkung des Wasserspiegels war das Übersetzen von Lastwagen nicht mehr möglich; der Neubau der A 45 war stark zu spüren. Der Fährbetrieb erforderte von Jahr zu Jahr mehr Zuschüsse.

Im Frühjahr 1989 wurde der Fährbetrieb eingestellt und durch den Bau einer Fahrrad- und Fußgängerbrücke ersetzt. Diese stellt seitdem "das Tor nach Bayern und in den Spessart " dar und wird von der Bevölkerung sehr gut genutzt.

Abschied von der Fähre

Gerd Stegmann und Karl SteilFährmann hol über - so klang es am Main,
viel' hundert Jahr', Tag und Nacht.
Die Wellen, sie stimmten im Chore mit ein,
der Fährmann hielt treulich die Wacht.
Er fuhr mit der "Neewe" so vielerlei Fracht
und lenkte mit sicherer Hand.
Im Nachen die Menschen an's Ufer gebracht,
von Hessen in's bayerische Land.
Es fuhren die Schiffe zu Tal und stromauf,
die Flöße, sie schwammen vorbei.
Die Glocken erklangen, die Wolken zu Hauf,
der Wind spielt die "Himmels-Schalmei".
Der Spessart, die Wälder und Wiesen, das Feld,
im strahlenden Sonnenschein.
Die Tiere und Pflanzen, wie schön diese Welt,
wir sind hier geborgen, daheim.
Nun hat auch der Fortschritt Veränd'rung gebracht,
die Schiffahrt ward' modernisiert.
Der Fluß zum Kanal, mit Verkehr Tag und Nacht,
von Elektronik und Radar diktiert.
So ließ auch das Neue den "Fährbetrieb" stehn,
eine Brücke überspannt nun den Main.
Leb wohl "Fährmanns-Ära", es war doch so schön!
Du wirst unvergessen uns sein!

Von Karl Steil, im Januar 1990

Stegmanns Erinnerungen

Alte Ansicht der Fähre von Dettingen aus fotografiertJubiläum mit einem Hauch von Wehmut

Er ist fast sein ganzes Leben "auf dem Wasser", wie er sagt. Und ein Vierteljahrhundert lang sorgt er schon für den Verkehrsfluss zwischen Hessen und Bayern: Der Mainflinger Fährmann Gerhard Stegmann. Er wurde am Wochenende gefeiert und es ist wieder Ruhe eingekehrt. Die Fähre summt förmlich über den Main, es ist das einzige elektrisch betriebene Gefährt dieser Art im ganzen Flußbereich. Kein Motorengeräusch ist zu hören- außer dem der wenigen Autos. Es ist ein idyllischer Platz, wenn die Sonne scheint. Und Stegmann erinnert sich gern, wie es war, als er im Jahr 1961 von seinem Vater die Fähre übernahm. Zuvor war der junge Stegmann als Spross der Mainflinger Schifferfamilie auf den Decksplanken zwischen Basel und Rotterdamm zu Hause. Doch dann brauchte ihn sein Vater. Es sei damals hart gewesen, sinniert der 47 jährige. Die Fähre war kleiner, bot nur vier Autos Platz "und alles mussten wir von Hand machen, sogar den Motor drehen, wenn's wieder zurück ging". Und Pünktlichkeit war gefragt: "Damals kamen noch jeden Morgen um vier Uhr über 300 Arbeiter, die den Zug erreichen mussten. Wehe, wenn wir uns da auch nur um eine Minute verspäteten." Heute sind es nicht mehr allzu viele, die pendeln. Es ist ruhiger geworden und Gerhard Stegmann wirkt ein wenig traurig, wenn er an seine Zukunft denkt. Denn das jetzige Jubiläum war das letzte als Fährmann in seinem Leben. Die Gemeinde wird im kommenden Jahr eine Brücke bauen. Für Fußgänger. Dann wird er ausgedient haben. Sein Arbeitsplatz bei der Gemeinde ist zwar gesichert, aber dennoch: "Das wird ganz schön hart werden für mich." -Und es wird Menschen geben, die den Mann mit der Sonnenbrille an der gewohnten Stelle vermissen werden. Auch Menschen, die ihm etwas zu verdanken haben: Vor knapp zwei Jahren rettet Gerhard Stegmann einem zehnjährigen Mädchen das Leben. Das Kind war die steile Böschung hinab in den Fluss gerutscht, doch der Fährmann war nicht weit.

Bau der KilianusbrückeAm 3. Oktober wird ihm die Lebensrettungsmedaille verliehen. Er redet darüber kaum. Es sind Selbstverständlichkeiten für einen Menschen, der mit dem Wasser und dessen Gefahren groß geworden ist. Gerne denkt er an die Zeit zurück, als die Fähre noch bis 24 Uhr in Betrieb war. Damals lohnte es sich zeitlich noch, kleine Sommerfeste auf den Planken zu veranstalten: "Da haben wir einfach die Hälfte der Fähre gesperrt, Tische aufgestellt und gefeiert. Autos fuhren auch damals in den Abendstunden recht wenig und da gab es keine Schwierigkeiten." Es gibt viel, was ein Fährmann erzählen kann. Und wenn er über sein Leben auf dem Wasser nachdenkt, fallen ihm auch die Wasserleichen ein, die er in all den Jahren aus dem Fluss gelandet hat. Es waren eine ganze Menge und er muss sogar ein wenig schmunzeln, wenn er an das amtliche Hin und Her denkt, das damit verbunden ist: "Die Grenze zwischen Bayern und Hessen ist genau die Flussmitte. Und wenn ich jemand rausziehe, bin ich verpflichtet darauf zu achten, ob das nun eine bayerische oder eine hessische Wasserleiche ist." Und er erzählt, wie ihm das vor Jahren, als junger Mann, ziemlich egal war. Denn in Bayern gab's 40 Mark für die Ländung, in Hessen nur 20 Mark.
Der Mann aus Mainflingen rückt seine Schiffermütze zurecht. Ein Auto kommt und der Fahrer blickt ein wenig komisch, als Gerhard Stegmann den Fahrpreis nennt. Wenn vier Insassen im Auto sitzen, kostet das sogar 4,50 Mark. Der Fährmann räumt ein, dass man für diesen Preis ruhig den Umweg über die Autobahn nehmen kann. Aber er weist auch darauf hin, dass der Vergleich mit anderen Fährbetrieben nicht so einfach ist: "Das sind Privatunternehmen, die ihre Preise selbst gestalten können. Wir werden vom Wasserwirtschafsamt in Darmstadt zu diesem Tarif gezwungen, da die Fähre Gemeindeeigentum ist."
Bald wird es die Mainflinger Fähre nicht mehr geben. Und Gerhard Stegmann ist sicher, dass es irgendwann Menschen geben wird die gerne einmal 4,50 Mark zahlen würden, um gemütlich über den Main zu schaukeln. Aber das ist dann ein Stück Vergangenheit, das jetzt noch zu erleben ist.

OP vom 25.09.1986

Abschied von der Mainfähre

Fähre und Bau der KilianusbrückeDurch viele Jahrzehnte hindurch gehörte sie zu den Wahrzeichen der Gemeinde Mainflingen, ähnlich wie die Pfarrkirche Sankt Kilianus. Gemeint ist die Mainfähre, die jahraus, jahrein, die Verbindung zwischen Hessen und Bayern auf dem Main aufrecht erhielt. Nun hat sie ausgedient, denn Mainhausen und Karlstein haben eine Fußgängerbrücke gebaut und den Fährbetrieb eingestellt. In den vergangenen Wochen wurde das gute alte Stück an Land gehievt und überholt. Gestern wurde sie nun mittels zwei Spezialkränen wieder ins Wasser gehievt und von zwei Schleppkränen nach Frankfurt gebracht. Im dortigen Stadtteil Höchst wird sie wieder ihren Betrieb aufnehmen. Bei Glühwein und Schmalzbrot verabschiedeten sich mehr als 100 Bürger und Bürgerinnen von der Fähre. Trotz eineinhalbstündiger Verspätung der Wasserung harrten sie aus, um dem Schilf zuzuwinken und "ade" zuzurufen.

Mainhausen 1989